Überlegungen zu einem elektronischen Klassenzimmer im Maßstab „EINE WELT“Norbert Hilden, lic.theol., Hans-Böckler-Berufskolleg, Marl
- Vorbemerkung
- historischer Exkurs
- Lernen mit der Informationsmaschine
- die virtuelle Lerndimension
- der PC im Klassenraum
- das elektronische Klassenzimmer
- UNESCO und Agenda21
- Lernen in der Infomationstechnologiegesellschaft
- Ausbilck
Der Autor dieses Artikels ist seit 25 Jahren Religionslehrer an einem
Berufskolleg, kein Informatiker, kein Computerspezialist, auf diesem
Hintergrund sind die folgenden Anmerkungen zu lesen. Im übrigen sind
alle hier beschriebenen Einrichtungen in Marl in Betrieb und können
gerne besichtigt und ausprobiert werden.
Die unglaublich rapide Entwicklung der Menschheitsgeschichte der
letzten 10000 Jahre ist ohne die Erfindung abstrakter Zeichensysteme
nicht erklärbar. Seßhaft werdende Kulturen benötigen Zahlen und Zeichen,
für Besitzstände, zur Fixierung von Regeln, zur Kennzeichnung von
Individualgeschichte. Ägyptische, jemenitische, assyrische, ugaritische
Zeichensysteme lassen Hochkulturen erst heranwachsen, organisieren Macht
und Herrschaft. Für die Politik der Antike bald unverzichtbare
Instrumente.
M.E. eröffnet das binäre Zeichensystem, in Verbindung mit moderner
Nachrichtentechnik heute eine Zeitenwende, eine neue Entwicklungsstufe,
die wohl erst von späteren Generationen, aus historischer Distanz,
gewertet werden kann. Der jetzt universale Code virtualisiert jegliches
Wissen, transformiert, delokalisiert, globalisiert in Echtzeit. Daß sich
das logistische Zentrum der derzeitigen amerikanischen Intervention in
Florida befindet, ist so ein kleines, militärgeschichtliches
Mosaiksteinchen für diese Zeitenwende, von denen dem Leser sicherlich
eine Menge weiterer einfallen werden.
Die Geschichte kennt ungezählte Beispiele über sehr unheilige
Beziehungen von Wissen und Macht, poltischer wie wirtschaftlicher. Daß
beim Einzug der Informationstechnologie die uralten Paradoxien von
Freiheit und Gleichheit in manchmal sehr beängstigender Virulenz
erscheinen, ist nicht verwunderlich und verlangt größe Wachsamkeit.
Lernen in einer Gesellschaft der Informationstechnologie wertet die
virtuelle Dimension um ein vielfaches auf, der Zugang zum Wissen wird
allgemein und als Information instrumentalisiert. Im globalen Dorf wird
Wissen allgemein verfügbar.
Information und Wissen sind aber sorgfältig voneinander zu
unterscheiden. Schule ist Ort der Wissensvermittlung, Computer sind
Informationsmaschinen, die sozusagen in der Lage sind, Wissen in Aktion
zu halten, also Hilfsmittel, nicht mehr und nicht weniger.
Im Grunde genommen erscheint das alles sehr einfach, ist es aber wohl
nicht, wie aktuelle Untersuchungen verdeutlichen: da gibt es einen
Anteil an "Netzverweigerern", der etwa die Hälfte der Bevölkerung
betrifft (und sich auch bei Jugendlichen mit ca.35% findet), da gibt es
die PISA Studie, die besagt, daß es mit der Wissenvermittlung
signifikant schlecht bestellt ist. Rechnen und einen Taschenrechner
bedienen, schreiben und ein Textverarbeitungsprogramm ausführen, das
sind nicht nur verschiedene Tätigkeiten, das sind verschiedene Welten.
Hieraus resultiert bei manchen "alten" Wissenvermittlern die Meinung,
Informationsmaschinen brauche man eigentlich garnicht für gute Schule.
Für den Autor erscheint es umgekehrt als eine interessante
Herausforderung, öffentliche Schule zu einem Ort zu formen, an dem
Lernen mit der Informationsmaschine langfristig zu einem Lernen in einer
Informationsgesellschaft wird.
Die Problematik besteht also garnicht darin, für Schulen genügend
Computer anzuschaffen – die hier gemachten Vorschläge erweisen ja
gerade, wie einfach das sein könnte - , sondern die verschiedenen
Lerndimensionen in Schule neu zu ordnen. Dabei ist zu berücksichtigen,
daß wir mit Jugendlichen zusammenarbeiten, die bereits komplett in einer
Medienwelt mit sehr veränderten Orientierungsmöglichkeiten aufwachsen.
Sie erleben in einem hohen Maße bereits Menschen als mediale, als
"virtuelle" Wesen, gedopt, "geplaybackt", maskiert als "Image". Die
komplexe Wechselwirkung von Virtualität und Realität wirkt auf ihre
Persönlichkeitsentwicklung anders als auf die bereits erwachsenen
Generationen davor.
Doch zunächst einmal möchte ich kurz erläutern, was ich unter den
verschienen Lerndimensionen, die Schule zu integrieren hat, verstehe:
Es lassen sich aus meiner Sicht vier Dimensionen der Lernens
unterscheiden, die öffentliche Schule, das ist ihre ureigene Aufgabe, zu
durchstreifen hat.
Jede Dimension bildet ihren eigenen Fokus, der von anderen
unterscheidbar ist und auf andere verweist. Fehlt eine Dimension, wird
extrem unter- oder überbewertet, verliert das "Haus des Lernens" seine
idealen Proportionen.
Möchten wir zum Beispiel Wissen über Hausbau vermitteln - in einem
umfassenden Sinne -, dann müssten wir mauern üben (reale Dimension),
mittels abstrakter Formeln die Statik ermitteln (theoretische
Dimension), ein Modell bauen und die mögliche Wirkung erkunden
(virtuelle Dimension) und wir werden über den "Sinn" des Hauses
reflektieren (spirituelle Dimension).
Aus der Sicht des Religionslehrers ist die derzeitige Reduzierung der
spirituellen Dimension zu einem äußerst diesseitigen, seelenlosen, vom
"Gott" Geld bestimmten Utilitarismus für gutes Lernen äußerst
kontraproduktiv, aber das sei hier nur am Rande erwähnt.
Als es noch keinen Taschenrechner gab, wurde Kopfrechnen gepaukt und
Zahlentheorie gelehrt. Die "Erleichterung" durch den Rechner kann dann,
wenn Pauken und Theorie reduziert werden, geradezu die
Verständnismöglichkeit von Mathematik verhindern, dasselbe gilt für
schreiben und lesen und die PISA Studie beweist dies ausdrücklich.
Der vernetzte Computer stellt ein Instrument dar, dass die virtuelle
Dimension in revolutionärer Weise verändert und somit unabweislich eine
Neukonzeption des Gesamtgebäudes erforderlich macht. Eine solche
Neuorientierung verlangt bei allen Beteiligten Umdenken, stellt
herkömmliche Pädagogik und Didaktik in Frage.
Falls dies nicht gelingt, bleibt nur die allseits äußerst beliebte,
allerdings ziemlich unfruchtbare Schuldzuweisungsdebatte. Die im letzten
Jahr breit kolportierte Duisburger Dachdeckergesellenprüfung, bei der
alle Prüflinge durchfielen, beleuchtet dies eindrucksvoll. Zitat des
Obermeisters: ein Lehrling konnte nicht einmal eine Dachlatte annageln,
ein anderer nicht ohne Taschenrechner m² in mm² umwandeln, aber ihr
Handy bedienen und SMS verschicken, das können sie alle. Und ein
Schüler: die haben uns nichts beigebracht, was uns interessiert.
Wenn Schule die virtuelle Lerndimension glaubwürdig und anerkannt
integriert, dient das auch den anderen, unbedingt notwendigen , eher als
Aufwertung denn als Verdrängung.
Die verschiedenen Lerndimensionen benötigen eine gewisse, gemeinsam
akzeptierte Harmonik und Rhythmik zueinander, um Lernen mit Spaß und
Ernst förderlich zu sein, sonst gerät Schule zu einer Art
Kriegsschauplatz, wo sich "zuviel verlangende" Lehrer und "zuwenig
bringende" Schüler einen sinnlosen Machtkampf liefern. Die enorme
Ausweitung der technischen Möglichkeiten in der virtuellen Lerndimension
bedeutet somit keineswegs ein Zurückstecken der anderen Dimensionen,
eher das Gegenteil.
Umgekehrt aber würde die Ausklammerung zu einer ebenfalls sehr
ungesunden Lebensferne beitragen. Informationsrecherche, Simulation,
multimediale Präsentation und virtuelle Kommunikation ermöglichen gerade
auch sehr spannende Übergänge zwischen rein praktischen und rein
theoretischen Übungen, die sie allerdings keinesfalls ersetzen können.
Wir sind also entschlossen, daß rechnergestützte, das elektronische
Klassenzimmer zu entwicklen, die Informationsmaschine zu einem
Lerninstrument werden zu lassen wie Tafel und Kreide. Dabei möchten wir
aber die jahrtausendealte "Pädagogik" dieses Ortes der Wissenvermittlung
nicht verraten, ebensowenig möchten wir das Ideal der "Bildung für
alle", das die Neuzeit uns bescherte, vernachlässigen, und letztlich ist
uns die Erkenntnis unserer Zeit sehr wichtig, nach der dieser Planet
insgesamt, was seine Ressourcen angeht, einer erheblichen Veränderung
des menschlichen Verhaltens bedarf. Dabei wird uns auch ein bisher
unerwähntes "Detail" beschäftigen müssen: die Quellcodes von über 90%
der auf der Welt laufenden Rechner sind im Privatbesitz einer einzigen
Firma, allein drei ihrer Mitarbeiter (Bill Gates, Steve Ballmer und Paul
Allen) gehören zu den zehn reichsten Menschen auf dieser Erde und ihr
Marktwert im Milliardendollarbereich ist mit den klassischen Kategorien
von Geldwert und Vermögen nicht mehr zu beschreiben. Es ist die alte
Auseinandersetzung zwischem persönlichen geistigen Eigentum und
öffentlichem Interesse. Ohne Eigentum keine Marktwirtschaft, ohne
Marktwirtschaft kein Wachstum, kein Fortschritt – diese Logik hatte
immer ihre Probleme, wenn mit Fortschritt auch ein kutureller und
politischer gemeint sein soll. Uns geht es um öffentliche Schule, so daß
sich ein offener Quellcode nahezu gebietet, zudem dieser nach all
unseren Erfahrungen keinesfalls der schlechtere ist.
Unser elektronisches Klassenzimmer soll einen Maßstab setzen, der als
technisches Rückgrad für Lernen in weltweiter Informationsgesellschaft
standardisiert werden kann. Dabei sind einige Hypothesen von großer
Wichtigkeit:
- Schule ist kein Kino und kein Standort für LAN-Partys, für Lernen ist
das heutige Hardwareniveau, was Prozessorgeschwindigkeit und
Speicherkapazität angeht, bereits weit mehr als ausreichend. Was immer
sich die Entwickler in den nächsten Jahren an Peripherieluxus ausdenken
mögen, für öffentliche Schule und ihre essentiellen Aufgaben ist es
unerheblich. Sicherlich ist ein Display "schöner" als ein Monitor, eine
2MB Standleitung schneller als ISDN, für die Medienkompentenz der
SchülerInnen liegen aber hier nicht die entscheidenden Kriterien.
- LehrerInnen sind Wissensvermittler, um sie für diese Aufgabe unter den
veränderten gesellschaftlichen Bedingungen zu qualifizieren, werden die
Staaten erheblichen Aufwand betreiben müssen und als solche werden sie
gebraucht, nicht aber als Tüftler, Netzwerktechniker oder
Systemadministratoren.
- Hauptkriterium unseres elektronischen Klassenzimmers ist seine
allgemeine Zugänglichkeit, möglichst wenig versperrt durch
Spezialkenntnisse oder dicke Geldbeutel und nicht offengehalten durch
mildtätige Sponsoren oder reiche Eltern.
Es entgeht uns dabei nicht, daß dieser Ansatz in unserer ersten Welt
wenig Chancen auf Realisierung hat. Auch wenn der Bildungsbericht der
UNESCO im Jahre 2000 ausrechnet, daß bereits 11% der weltweiten
jährlichen Rüstungsausgaben einer Milliarde Menschen PC, Strom- und
Telefonanschluß geben würden, und wir bedenken, daß in Manhattan mehr
Telefonzellen zur Verfügung stehen als auf dem gesamten afrikanischen
Kontinent, der Trend des Auseinanderwachsens ist ungebrochen, wir sind
uns darüber im klaren, daß Lernen durch Konsens in in manchen Zeiten
derMenschheitsgeschichte stattfgefunden hat, nicht nur das Lernen durch
Katastrophen.
An dieser Stelle möchte ich jetzt die Entwicklung eines elektronischen
Klassenzimmers am Hans Böckler Berufskolleg (HBBK) und den heutigen
Ausrüstungsstand referieren:
Bereits 1998 haben wir am HBBK ein elektronisches Klassenzimmer
vorgestellt. Der damals mit einem Kostenumfang von ca.30000.-DM mit 14
Arbeitsplätzen ausgestattete Raum hat sich bis heute zweifellos
bewährt, jedoch war uns damals schon klar, dass hier ein Multimediaraum
entstanden war, keinesfalls ein normaler, an allen öffentlichen Schulen
betreibbarer Klassenraum. Zu groß ist einfach der mit einem solchen Raum
verbundene Finanz- und Administrationsaufwand. So gesehen waren wir von
dem Ziel, den Computer zu einem gewöhnlichen Lerninstrument in Schule
zu machen, noch sehr weit entfernt.
Was in dem neuen Raum zu sehen ist, sind keine traditionellen Pcs mehr,
sondern sogn. thin clients, laufwerkfreie, ja nicht einmal mit einem
richtigen Betriebssystem ausgestattete Desktops, deren einzige Aufgabe
darin besteht, mittels einer Netzkarte und eines darauf befindlichen,
selbst erstellten Bootproms zum Server durchzuschalten. Das einzige
mechanische Teil dieser Terminals neben dem durchaus
"wegrationalisierbaren" Transformatorlüfter der Netz Ein/Ausschalter,
der über einen zentralen powermanager kontrolliert ist, so daß am
Arbeitsplatz selber nur Tastatur und mouse zu betätigen sind.
Auch in der Industrie wird das ThinClient Konzept zunehmend aus
naheliegenden Gründen (Stichwort „Total Cost of Ownership“ – also die
Gesamtkosten, die ein PC Arbeitsplatz während seiner Lebenszeit
verursacht) propagiert und angeboten. Unser Projekt verwendet hier – da
unterscheiden wir uns von den Industrieangeboten - ausgediente
486´Rechner mit 16 MB RAM, die bereits leider allgemein als nicht mehr
umrüstbarer Computerschrott angesehen werden, und ältere 15´´
SVGA-Monitore. Wo es möglich war, haben wir die alten 10Mbit durch neue
100Mbit Netzwerkkarten - was, wie sich mittlerweile herausstellt, bei
schneller Webanbindung kaum noch notwendig ist (Kosten: ca. 15.-Euro)-
ersetzt und den Raum mit zwei 10/100 Switches (Kosten:jeweils 55.-Euro)
vernetzt.
Kernstück eines solchen Netzwerks ist der sogenannte Terminal Server,
also ein Rechner, der für die gesamte Arbeitsgruppe die Rechenarbeit im
wesentlichen übernimmt. Als wir vor knapp einem Jahr unsere Überlegungen
in dieser Richtung begannen, veranschlagten wir noch Hardwarekosten von
mindestens 20000.- DM. Verschiedene Versuche in diesem Jahr, u.a. ein
Test mit solch einem ausgeliehenen Industrieserver , sicherlich auch die
stark gefallenen Preise für Prozessoren und Speicher, veranlassten uns
aber schließlich dazu, den Warnungen der Fachleute nicht zu entsprechen
und den Terminalserver ausschließlich mit den unbedingt notwendigen
neuen Bauelementen (Board, Prozessor, Speicher, Festplatte) selbst zu
konfigurieren. Hardwarekosten: 1270.- DM. Der Terminalrechner gehört
nicht zum Klassenraum, bleibt weggeschlossen und unerreichbar.
Drittes Element des Projektes ist die Software des Terminalservers. Das
Zentrum für Rechnerkommunikation in Göttingen, ein auf Terminalserver
spezialisiertes Unternehmen mit einer Reihe von Großkunden, das mit
seinem NetMan for School auch mit einem eigenen Schulkonzept auf dem
Schulmarkt Fuß zu fassen sucht, berechnet für Installation, Einweisung,
Support und Lizenzen für Windows 2000Server und MetaframeXP ca.
25000.-Euro. Eine durchaus seriöse Berechnung.
Unser Gegenkonzept: wir setzen auf die weltweite Gemeinde der Linux-
programmierer, die gerade in jüngster Zeit sich ziemlich viele Gedanken
über Terminalserver gemacht hat, verwenden ein kostenfreies
Komplettpacket mit schulrelevanter Anwendungssoftware - kmLinux vom
Landesbildungsserver Schleswig Holstein, das jedem Lernenden auch
zuhause zur Verfügung gestellt werden kann - und vertrauen auf die immer
wieder hilfsbereite Zusammenarbeit mit der LinuxUserGroup Marl.
Dieser Raum soll, anders als herkömmliche Klassenräume, während der
gesamten Schulöffnungszeit jedem, der einen account besitzt, nutzbar
sein. Möglich wird dies über eine, bereits hier an der Schule bewährte
chipkartengesteuerte Zugangskontrolle, die in der Gesamtkalkulation
dieses elektronischen Klassenzimmers schon berücksichtigt ist
(100.-Euro), so bleibt der Raum auch ohne Anwesenheit von Lehrpersonen
überwacht.
Da der Terminalserver sich nicht im Raum befindet, alle thinclients sich
bei jedem Einschaltvorgang automatisch zurückstellen, gibt es für den
Systemadministrator keine Arbeit, er kann die Verwaltung des Systems im
Normalfall von zuhause aus durchführen. Im Raum selbst gibt keinen
Unterschied zwischen Lehrer und Schüler"rechner", diese bestehen nur bei
der Drucker- und der Userverwaltung, die browserbasiert von jedem
"Rechner" möglich ist.
Seit der Eröffnung des Raumes sind zwei Beobachtungen doch
beachtenswert: kein einziges Mal ist von den dort ohne Anleitung
arbeitenden SchülerInnen die Frage nach dem zugrundeliegenden
Betriebssystem gestellt worden, die unterschiedliche Office oder andere
Browsertypen blieben ebenfalls ohne Erwähnung. Ebenso ist es den
SchülerInnen offensichtlich völlig verborgen geblieben zu sein, daß im
Raum unterschiedliche Rechnertypen (von 66 bis 266MHz, mit 10Mbit und
100Mbit Netzanbindung) als Thinclients Verwendung finden.
Computer mit ihren aufgrund der Innovation extrem kurzen Standzeiten
sind wahre Moloche der Ressourcenverschwendung, das gilt gerade auch für
die enorme Steigerung an Stromverbrauch und Wärmeemission in den
letzten zehn Jahren. Sie sind überhaupt nicht dazu angetan, nachhaltige
Entwicklung zu fördern, sich den für die Zukunft unseres Planeten so
wichtigen Forderungen der AGENDA 21 einzupassen. Eher sind sie ein
typisches Produkt der "Wegwerf-" und "nach-mir-dieSintflut"
Gesellschaft, also einem "EINE WELT-Maßstab" zutiefst entgegenlaufend.
Da unsere "second hand Ausstattung" das Altmaterial gleichzeitig "auf
den neusten Stand" bringt, ist dies auch nicht mit recycling im
klassischen Sinne vergleichbar, sondern stellt eine äußerst
resourcenschonende Neubewertung dar.
Weil nun einmal Wissen Macht bedeutet, gerät öffentliche Schule für
alle immer wieder in Konflikt mit wirtschaftsglobalen und politischen
Interessen. Dieser Konflikt ist unlösbar, es dürfte jedoch für diesen
Planeten um des Überlebens willen sinnvoll sein – alle Erfahrungen der
Menschheitsgeschichte lassen uns dies als Binsenweisheit erscheinen -
gewisse Minimalstandards einzufordern, wie das die UNESCO, die weltweite
Organisation für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation tut.
Open source bei grundlegenden Informationsvermittlungssystemen wäre
unseres Erachtens nach eine sehr wichtige Forderung.
Wir verwenden den Computer ja nicht in erster Linie als Lernziel,
sondern als Lerninstrument, so geht es bei der Software, wie beim
Betriebssystem um Grundversorgung. Es ist einfach nicht zu erkennen,
trotz diesem ständig widersprechenden Geschrei, daß diese
Grundversorgung, auch bei höchsten Qualitätsansprüchen, NICHT auf der
Basis freier Software und eines freien Betriebssystem gewährleistet
werden kann. Öffentliche Schule vermittelt Basiswissen, halt rechnen,
schreiben , lesen, denken in sich steigernder Komplexität. Dieser
Prozess wiederholt sich in jeder Schülergeneration ohne wesentliche
Wandlungen, sondern lediglich unter anderen historischen
Voraussetzungen. Es ist nicht zu erkennen, daß sich die Qualität einer
Abiturklausur im Fach Deutsch, sagen wir vor dreißig Jahren, durch die
Einführung eines Textverarbeitungsprogrammes in heutiger Zeit in
irgendeiner Weise erhöht hätte, ein solches Programm ist aber nun eine
Standardanwendung, deren Beherrschung als "selbstverständlich" angesehen
werden dürfte, wobei auch hier Bedienerfreundlichkeit durchaus nur
bedingt einen schulischen Wert darstellt. Auch eine Binsenweisheit über
Schule: je bequemer eine Aufgabe zu erledigen ist, desto weniger fordert
und fördert sie die Fähigkeit, Aufgaben zu lösen.
Entscheidend für "gute" Schule, soviel stellt sich jetzt schon
heraus, ist nicht die Anzahl verfügbarer Rechner, sondern die Verfügung
über die virtuelle Lerndimension. Diese wiederum benötigt eine echte
Verklammerung und Wech´selwirkung mit den anderen Dimensionen. Wenn der
Brockhaus als Gratis CD bereitsteht und jeder Schüler einen Laptop
besäße, dann ist damit nichts erreicht. Einen "guten" Algorithmus zu
schreiben, eine ästhetisch ansprechende Website zu gestalten, einen Text
mit hohem Mitteilungswert zu entwerfen, hier liegen die Lernziele von
öffentlicher Schule. Aus meiner Sicht muß sich das hier benötigte
technische Instrumentarium keineswegs mehr am "Rüstungswettlauf" um
immer höhere Verarbeitungskapazitäten und größere Speicherräume
beteiligen.
Derzeit erproben Schulen - häufig mit durchaus eigennütziger
Sponsorenbeteiligung - viele verschiedene Entwicklungslinien, von der
umfassenden Laptopausstattung bis zu applikation server providing. Es
erscheint heute unmöglich, aufgrund des sehr unterschiedlichen Wissens-
und Informationsstandes, generalisierende Überlegungen anzustellen.
Stellt sich unsere These als richtig heraus, daß elektronische
Klassenzimmer nicht Räume an bestimmten Schulen in bestimmten
Schulstufen sind, sondern einen übergreifenden Standard darstellen
werden, dann werden das bei den ca. 40000 Schulen in Deutschland
bespielsweise sicherlich über eine Million Räume sein.
Die Wege nach Rom reichen derzeit von "sehr lange" über "sehr
kompliziert", "sehr teuer", bis zum völligen Desaster und die zur
Verfügung stehenden UMTS Millionen straffen und konzentrieren die
Entwicklung nicht, sie verführen zweifellos zur Verschwendung. Nach
unseren Wünschen müßte die technische Konsolidierung möglichst bald
schon abgeschlossen sein, damit alle Kraft und Geld der entscheidenden
Aufgabe gewidmet werden könnte: der Qualifizierung der LehrerInnen und
SchülerInnen.
Mit der PISA Studie im Nacken bräuchte Schule dringend langfristig
durchdachte Perspektiven, die technische Innovation, Einfügung der
virtuellen Lerndimension und traditionell pädagogische Leitlinien in
einer praktikablen Kosten-Nutzenrelation miteinander verbänden.
Wiederum bleibt uns eine Binsenweisheit: wer gute Technik einsetzen
will, braucht gute Schüler, wenn gelten soll, daß nicht die Technik den
Menschen formt, sondern der Mensch die Technik.
Okt.2002
Norbert Hilden, lic.theol., Hans-Böckler-Berufskolleg, Marl
- Vorbemerkung
- historischer Exkurs
- Lernen mit der Informationsmaschine
- die virtuelle Lerndimension
- der PC im Klassenraum
- das elektronische Klassenzimmer
- UNESCO und Agenda21
- Lernen in der Infomationstechnologiegesellschaft
- Ausbilck
Der Autor dieses Artikels ist seit 25 Jahren Religionslehrer an einem
Berufskolleg, kein Informatiker, kein Computerspezialist, auf diesem
Hintergrund sind die folgenden Anmerkungen zu lesen. Im übrigen sind
alle hier beschriebenen Einrichtungen in Marl in Betrieb und können
gerne besichtigt und ausprobiert werden.
Die unglaublich rapide Entwicklung der Menschheitsgeschichte der
letzten 10000 Jahre ist ohne die Erfindung abstrakter Zeichensysteme
nicht erklärbar. Seßhaft werdende Kulturen benötigen Zahlen und Zeichen,
für Besitzstände, zur Fixierung von Regeln, zur Kennzeichnung von
Individualgeschichte. Ägyptische, jemenitische, assyrische, ugaritische
Zeichensysteme lassen Hochkulturen erst heranwachsen, organisieren Macht
und Herrschaft. Für die Politik der Antike bald unverzichtbare
Instrumente.
M.E. eröffnet das binäre Zeichensystem, in Verbindung mit moderner
Nachrichtentechnik heute eine Zeitenwende, eine neue Entwicklungsstufe,
die wohl erst von späteren Generationen, aus historischer Distanz,
gewertet werden kann. Der jetzt universale Code virtualisiert jegliches
Wissen, transformiert, delokalisiert, globalisiert in Echtzeit. Daß sich
das logistische Zentrum der derzeitigen amerikanischen Intervention in
Florida befindet, ist so ein kleines, militärgeschichtliches
Mosaiksteinchen für diese Zeitenwende, von denen dem Leser sicherlich
eine Menge weiterer einfallen werden.
Die Geschichte kennt ungezählte Beispiele über sehr unheilige
Beziehungen von Wissen und Macht, poltischer wie wirtschaftlicher. Daß
beim Einzug der Informationstechnologie die uralten Paradoxien von
Freiheit und Gleichheit in manchmal sehr beängstigender Virulenz
erscheinen, ist nicht verwunderlich und verlangt größe Wachsamkeit.
Lernen in einer Gesellschaft der Informationstechnologie wertet die
virtuelle Dimension um ein vielfaches auf, der Zugang zum Wissen wird
allgemein und als Information instrumentalisiert. Im globalen Dorf wird
Wissen allgemein verfügbar.
Information und Wissen sind aber sorgfältig voneinander zu
unterscheiden. Schule ist Ort der Wissensvermittlung, Computer sind
Informationsmaschinen, die sozusagen in der Lage sind, Wissen in Aktion
zu halten, also Hilfsmittel, nicht mehr und nicht weniger.
Im Grunde genommen erscheint das alles sehr einfach, ist es aber wohl
nicht, wie aktuelle Untersuchungen verdeutlichen: da gibt es einen
Anteil an "Netzverweigerern", der etwa die Hälfte der Bevölkerung
betrifft (und sich auch bei Jugendlichen mit ca.35% findet), da gibt es
die PISA Studie, die besagt, daß es mit der Wissenvermittlung
signifikant schlecht bestellt ist. Rechnen und einen Taschenrechner
bedienen, schreiben und ein Textverarbeitungsprogramm ausführen, das
sind nicht nur verschiedene Tätigkeiten, das sind verschiedene Welten.
Hieraus resultiert bei manchen "alten" Wissenvermittlern die Meinung,
Informationsmaschinen brauche man eigentlich garnicht für gute Schule.
Für den Autor erscheint es umgekehrt als eine interessante
Herausforderung, öffentliche Schule zu einem Ort zu formen, an dem
Lernen mit der Informationsmaschine langfristig zu einem Lernen in einer
Informationsgesellschaft wird.
Die Problematik besteht also garnicht darin, für Schulen genügend
Computer anzuschaffen – die hier gemachten Vorschläge erweisen ja
gerade, wie einfach das sein könnte - , sondern die verschiedenen
Lerndimensionen in Schule neu zu ordnen. Dabei ist zu berücksichtigen,
daß wir mit Jugendlichen zusammenarbeiten, die bereits komplett in einer
Medienwelt mit sehr veränderten Orientierungsmöglichkeiten aufwachsen.
Sie erleben in einem hohen Maße bereits Menschen als mediale, als
"virtuelle" Wesen, gedopt, "geplaybackt", maskiert als "Image". Die
komplexe Wechselwirkung von Virtualität und Realität wirkt auf ihre
Persönlichkeitsentwicklung anders als auf die bereits erwachsenen
Generationen davor.
Doch zunächst einmal möchte ich kurz erläutern, was ich unter den
verschienen Lerndimensionen, die Schule zu integrieren hat, verstehe:
Es lassen sich aus meiner Sicht vier Dimensionen der Lernens
unterscheiden, die öffentliche Schule, das ist ihre ureigene Aufgabe, zu
durchstreifen hat.
Jede Dimension bildet ihren eigenen Fokus, der von anderen
unterscheidbar ist und auf andere verweist. Fehlt eine Dimension, wird
extrem unter- oder überbewertet, verliert das "Haus des Lernens" seine
idealen Proportionen.
Möchten wir zum Beispiel Wissen über Hausbau vermitteln - in einem
umfassenden Sinne -, dann müssten wir mauern üben (reale Dimension),
mittels abstrakter Formeln die Statik ermitteln (theoretische
Dimension), ein Modell bauen und die mögliche Wirkung erkunden
(virtuelle Dimension) und wir werden über den "Sinn" des Hauses
reflektieren (spirituelle Dimension).
Aus der Sicht des Religionslehrers ist die derzeitige Reduzierung der
spirituellen Dimension zu einem äußerst diesseitigen, seelenlosen, vom
"Gott" Geld bestimmten Utilitarismus für gutes Lernen äußerst
kontraproduktiv, aber das sei hier nur am Rande erwähnt.
Als es noch keinen Taschenrechner gab, wurde Kopfrechnen gepaukt und
Zahlentheorie gelehrt. Die "Erleichterung" durch den Rechner kann dann,
wenn Pauken und Theorie reduziert werden, geradezu die
Verständnismöglichkeit von Mathematik verhindern, dasselbe gilt für
schreiben und lesen und die PISA Studie beweist dies ausdrücklich.
Der vernetzte Computer stellt ein Instrument dar, dass die virtuelle
Dimension in revolutionärer Weise verändert und somit unabweislich eine
Neukonzeption des Gesamtgebäudes erforderlich macht. Eine solche
Neuorientierung verlangt bei allen Beteiligten Umdenken, stellt
herkömmliche Pädagogik und Didaktik in Frage.
Falls dies nicht gelingt, bleibt nur die allseits äußerst beliebte,
allerdings ziemlich unfruchtbare Schuldzuweisungsdebatte. Die im letzten
Jahr breit kolportierte Duisburger Dachdeckergesellenprüfung, bei der
alle Prüflinge durchfielen, beleuchtet dies eindrucksvoll. Zitat des
Obermeisters: ein Lehrling konnte nicht einmal eine Dachlatte annageln,
ein anderer nicht ohne Taschenrechner m² in mm² umwandeln, aber ihr
Handy bedienen und SMS verschicken, das können sie alle. Und ein
Schüler: die haben uns nichts beigebracht, was uns interessiert.
Wenn Schule die virtuelle Lerndimension glaubwürdig und anerkannt
integriert, dient das auch den anderen, unbedingt notwendigen , eher als
Aufwertung denn als Verdrängung.
Die verschiedenen Lerndimensionen benötigen eine gewisse, gemeinsam
akzeptierte Harmonik und Rhythmik zueinander, um Lernen mit Spaß und
Ernst förderlich zu sein, sonst gerät Schule zu einer Art
Kriegsschauplatz, wo sich "zuviel verlangende" Lehrer und "zuwenig
bringende" Schüler einen sinnlosen Machtkampf liefern. Die enorme
Ausweitung der technischen Möglichkeiten in der virtuellen Lerndimension
bedeutet somit keineswegs ein Zurückstecken der anderen Dimensionen,
eher das Gegenteil.
Umgekehrt aber würde die Ausklammerung zu einer ebenfalls sehr
ungesunden Lebensferne beitragen. Informationsrecherche, Simulation,
multimediale Präsentation und virtuelle Kommunikation ermöglichen gerade
auch sehr spannende Übergänge zwischen rein praktischen und rein
theoretischen Übungen, die sie allerdings keinesfalls ersetzen können.
Wir sind also entschlossen, daß rechnergestützte, das elektronische
Klassenzimmer zu entwicklen, die Informationsmaschine zu einem
Lerninstrument werden zu lassen wie Tafel und Kreide. Dabei möchten wir
aber die jahrtausendealte "Pädagogik" dieses Ortes der Wissenvermittlung
nicht verraten, ebensowenig möchten wir das Ideal der "Bildung für
alle", das die Neuzeit uns bescherte, vernachlässigen, und letztlich ist
uns die Erkenntnis unserer Zeit sehr wichtig, nach der dieser Planet
insgesamt, was seine Ressourcen angeht, einer erheblichen Veränderung
des menschlichen Verhaltens bedarf. Dabei wird uns auch ein bisher
unerwähntes "Detail" beschäftigen müssen: die Quellcodes von über 90%
der auf der Welt laufenden Rechner sind im Privatbesitz einer einzigen
Firma, allein drei ihrer Mitarbeiter (Bill Gates, Steve Ballmer und Paul
Allen) gehören zu den zehn reichsten Menschen auf dieser Erde und ihr
Marktwert im Milliardendollarbereich ist mit den klassischen Kategorien
von Geldwert und Vermögen nicht mehr zu beschreiben. Es ist die alte
Auseinandersetzung zwischem persönlichen geistigen Eigentum und
öffentlichem Interesse. Ohne Eigentum keine Marktwirtschaft, ohne
Marktwirtschaft kein Wachstum, kein Fortschritt – diese Logik hatte
immer ihre Probleme, wenn mit Fortschritt auch ein kutureller und
politischer gemeint sein soll. Uns geht es um öffentliche Schule, so daß
sich ein offener Quellcode nahezu gebietet, zudem dieser nach all
unseren Erfahrungen keinesfalls der schlechtere ist.
Unser elektronisches Klassenzimmer soll einen Maßstab setzen, der als
technisches Rückgrad für Lernen in weltweiter Informationsgesellschaft
standardisiert werden kann. Dabei sind einige Hypothesen von großer
Wichtigkeit:
- Schule ist kein Kino und kein Standort für LAN-Partys, für Lernen ist
das heutige Hardwareniveau, was Prozessorgeschwindigkeit und
Speicherkapazität angeht, bereits weit mehr als ausreichend. Was immer
sich die Entwickler in den nächsten Jahren an Peripherieluxus ausdenken
mögen, für öffentliche Schule und ihre essentiellen Aufgaben ist es
unerheblich. Sicherlich ist ein Display "schöner" als ein Monitor, eine
2MB Standleitung schneller als ISDN, für die Medienkompentenz der
SchülerInnen liegen aber hier nicht die entscheidenden Kriterien.
- LehrerInnen sind Wissensvermittler, um sie für diese Aufgabe unter den
veränderten gesellschaftlichen Bedingungen zu qualifizieren, werden die
Staaten erheblichen Aufwand betreiben müssen und als solche werden sie
gebraucht, nicht aber als Tüftler, Netzwerktechniker oder
Systemadministratoren.
- Hauptkriterium unseres elektronischen Klassenzimmers ist seine
allgemeine Zugänglichkeit, möglichst wenig versperrt durch
Spezialkenntnisse oder dicke Geldbeutel und nicht offengehalten durch
mildtätige Sponsoren oder reiche Eltern.
Es entgeht uns dabei nicht, daß dieser Ansatz in unserer ersten Welt
wenig Chancen auf Realisierung hat. Auch wenn der Bildungsbericht der
UNESCO im Jahre 2000 ausrechnet, daß bereits 11% der weltweiten
jährlichen Rüstungsausgaben einer Milliarde Menschen PC, Strom- und
Telefonanschluß geben würden, und wir bedenken, daß in Manhattan mehr
Telefonzellen zur Verfügung stehen als auf dem gesamten afrikanischen
Kontinent, der Trend des Auseinanderwachsens ist ungebrochen, wir sind
uns darüber im klaren, daß Lernen durch Konsens in in manchen Zeiten
derMenschheitsgeschichte stattfgefunden hat, nicht nur das Lernen durch
Katastrophen.
An dieser Stelle möchte ich jetzt die Entwicklung eines elektronischen
Klassenzimmers am Hans Böckler Berufskolleg (HBBK) und den heutigen
Ausrüstungsstand referieren:
Bereits 1998 haben wir am HBBK ein elektronisches Klassenzimmer
vorgestellt. Der damals mit einem Kostenumfang von ca.30000.-DM mit 14
Arbeitsplätzen ausgestattete Raum hat sich bis heute zweifellos
bewährt, jedoch war uns damals schon klar, dass hier ein Multimediaraum
entstanden war, keinesfalls ein normaler, an allen öffentlichen Schulen
betreibbarer Klassenraum. Zu groß ist einfach der mit einem solchen Raum
verbundene Finanz- und Administrationsaufwand. So gesehen waren wir von
dem Ziel, den Computer zu einem gewöhnlichen Lerninstrument in Schule
zu machen, noch sehr weit entfernt.
Was in dem neuen Raum zu sehen ist, sind keine traditionellen Pcs mehr,
sondern sogn. thin clients, laufwerkfreie, ja nicht einmal mit einem
richtigen Betriebssystem ausgestattete Desktops, deren einzige Aufgabe
darin besteht, mittels einer Netzkarte und eines darauf befindlichen,
selbst erstellten Bootproms zum Server durchzuschalten. Das einzige
mechanische Teil dieser Terminals neben dem durchaus
"wegrationalisierbaren" Transformatorlüfter der Netz Ein/Ausschalter,
der über einen zentralen powermanager kontrolliert ist, so daß am
Arbeitsplatz selber nur Tastatur und mouse zu betätigen sind.
Auch in der Industrie wird das ThinClient Konzept zunehmend aus
naheliegenden Gründen (Stichwort „Total Cost of Ownership“ – also die
Gesamtkosten, die ein PC Arbeitsplatz während seiner Lebenszeit
verursacht) propagiert und angeboten. Unser Projekt verwendet hier – da
unterscheiden wir uns von den Industrieangeboten - ausgediente
486´Rechner mit 16 MB RAM, die bereits leider allgemein als nicht mehr
umrüstbarer Computerschrott angesehen werden, und ältere 15´´
SVGA-Monitore. Wo es möglich war, haben wir die alten 10Mbit durch neue
100Mbit Netzwerkkarten - was, wie sich mittlerweile herausstellt, bei
schneller Webanbindung kaum noch notwendig ist (Kosten: ca. 15.-Euro)-
ersetzt und den Raum mit zwei 10/100 Switches (Kosten:jeweils 55.-Euro)
vernetzt.
Kernstück eines solchen Netzwerks ist der sogenannte Terminal Server,
also ein Rechner, der für die gesamte Arbeitsgruppe die Rechenarbeit im
wesentlichen übernimmt. Als wir vor knapp einem Jahr unsere Überlegungen
in dieser Richtung begannen, veranschlagten wir noch Hardwarekosten von
mindestens 20000.- DM. Verschiedene Versuche in diesem Jahr, u.a. ein
Test mit solch einem ausgeliehenen Industrieserver , sicherlich auch die
stark gefallenen Preise für Prozessoren und Speicher, veranlassten uns
aber schließlich dazu, den Warnungen der Fachleute nicht zu entsprechen
und den Terminalserver ausschließlich mit den unbedingt notwendigen
neuen Bauelementen (Board, Prozessor, Speicher, Festplatte) selbst zu
konfigurieren. Hardwarekosten: 1270.- DM. Der Terminalrechner gehört
nicht zum Klassenraum, bleibt weggeschlossen und unerreichbar.
Drittes Element des Projektes ist die Software des Terminalservers. Das
Zentrum für Rechnerkommunikation in Göttingen, ein auf Terminalserver
spezialisiertes Unternehmen mit einer Reihe von Großkunden, das mit
seinem NetMan for School auch mit einem eigenen Schulkonzept auf dem
Schulmarkt Fuß zu fassen sucht, berechnet für Installation, Einweisung,
Support und Lizenzen für Windows 2000Server und MetaframeXP ca.
25000.-Euro. Eine durchaus seriöse Berechnung.
Unser Gegenkonzept: wir setzen auf die weltweite Gemeinde der Linux-
programmierer, die gerade in jüngster Zeit sich ziemlich viele Gedanken
über Terminalserver gemacht hat, verwenden ein kostenfreies
Komplettpacket mit schulrelevanter Anwendungssoftware - kmLinux vom
Landesbildungsserver Schleswig Holstein, das jedem Lernenden auch
zuhause zur Verfügung gestellt werden kann - und vertrauen auf die immer
wieder hilfsbereite Zusammenarbeit mit der LinuxUserGroup Marl.
Dieser Raum soll, anders als herkömmliche Klassenräume, während der
gesamten Schulöffnungszeit jedem, der einen account besitzt, nutzbar
sein. Möglich wird dies über eine, bereits hier an der Schule bewährte
chipkartengesteuerte Zugangskontrolle, die in der Gesamtkalkulation
dieses elektronischen Klassenzimmers schon berücksichtigt ist
(100.-Euro), so bleibt der Raum auch ohne Anwesenheit von Lehrpersonen
überwacht.
Da der Terminalserver sich nicht im Raum befindet, alle thinclients sich
bei jedem Einschaltvorgang automatisch zurückstellen, gibt es für den
Systemadministrator keine Arbeit, er kann die Verwaltung des Systems im
Normalfall von zuhause aus durchführen. Im Raum selbst gibt keinen
Unterschied zwischen Lehrer und Schüler"rechner", diese bestehen nur bei
der Drucker- und der Userverwaltung, die browserbasiert von jedem
"Rechner" möglich ist.
Seit der Eröffnung des Raumes sind zwei Beobachtungen doch
beachtenswert: kein einziges Mal ist von den dort ohne Anleitung
arbeitenden SchülerInnen die Frage nach dem zugrundeliegenden
Betriebssystem gestellt worden, die unterschiedliche Office oder andere
Browsertypen blieben ebenfalls ohne Erwähnung. Ebenso ist es den
SchülerInnen offensichtlich völlig verborgen geblieben zu sein, daß im
Raum unterschiedliche Rechnertypen (von 66 bis 266MHz, mit 10Mbit und
100Mbit Netzanbindung) als Thinclients Verwendung finden.
Computer mit ihren aufgrund der Innovation extrem kurzen Standzeiten
sind wahre Moloche der Ressourcenverschwendung, das gilt gerade auch für
die enorme Steigerung an Stromverbrauch und Wärmeemission in den
letzten zehn Jahren. Sie sind überhaupt nicht dazu angetan, nachhaltige
Entwicklung zu fördern, sich den für die Zukunft unseres Planeten so
wichtigen Forderungen der AGENDA 21 einzupassen. Eher sind sie ein
typisches Produkt der "Wegwerf-" und "nach-mir-dieSintflut"
Gesellschaft, also einem "EINE WELT-Maßstab" zutiefst entgegenlaufend.
Da unsere "second hand Ausstattung" das Altmaterial gleichzeitig "auf
den neusten Stand" bringt, ist dies auch nicht mit recycling im
klassischen Sinne vergleichbar, sondern stellt eine äußerst
resourcenschonende Neubewertung dar.
Weil nun einmal Wissen Macht bedeutet, gerät öffentliche Schule für
alle immer wieder in Konflikt mit wirtschaftsglobalen und politischen
Interessen. Dieser Konflikt ist unlösbar, es dürfte jedoch für diesen
Planeten um des Überlebens willen sinnvoll sein – alle Erfahrungen der
Menschheitsgeschichte lassen uns dies als Binsenweisheit erscheinen -
gewisse Minimalstandards einzufordern, wie das die UNESCO, die weltweite
Organisation für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation tut.
Open source bei grundlegenden Informationsvermittlungssystemen wäre
unseres Erachtens nach eine sehr wichtige Forderung.
Wir verwenden den Computer ja nicht in erster Linie als Lernziel,
sondern als Lerninstrument, so geht es bei der Software, wie beim
Betriebssystem um Grundversorgung. Es ist einfach nicht zu erkennen,
trotz diesem ständig widersprechenden Geschrei, daß diese
Grundversorgung, auch bei höchsten Qualitätsansprüchen, NICHT auf der
Basis freier Software und eines freien Betriebssystem gewährleistet
werden kann. Öffentliche Schule vermittelt Basiswissen, halt rechnen,
schreiben , lesen, denken in sich steigernder Komplexität. Dieser
Prozess wiederholt sich in jeder Schülergeneration ohne wesentliche
Wandlungen, sondern lediglich unter anderen historischen
Voraussetzungen. Es ist nicht zu erkennen, daß sich die Qualität einer
Abiturklausur im Fach Deutsch, sagen wir vor dreißig Jahren, durch die
Einführung eines Textverarbeitungsprogrammes in heutiger Zeit in
irgendeiner Weise erhöht hätte, ein solches Programm ist aber nun eine
Standardanwendung, deren Beherrschung als "selbstverständlich" angesehen
werden dürfte, wobei auch hier Bedienerfreundlichkeit durchaus nur
bedingt einen schulischen Wert darstellt. Auch eine Binsenweisheit über
Schule: je bequemer eine Aufgabe zu erledigen ist, desto weniger fordert
und fördert sie die Fähigkeit, Aufgaben zu lösen.
Entscheidend für "gute" Schule, soviel stellt sich jetzt schon
heraus, ist nicht die Anzahl verfügbarer Rechner, sondern die Verfügung
über die virtuelle Lerndimension. Diese wiederum benötigt eine echte
Verklammerung und Wech´selwirkung mit den anderen Dimensionen. Wenn der
Brockhaus als Gratis CD bereitsteht und jeder Schüler einen Laptop
besäße, dann ist damit nichts erreicht. Einen "guten" Algorithmus zu
schreiben, eine ästhetisch ansprechende Website zu gestalten, einen Text
mit hohem Mitteilungswert zu entwerfen, hier liegen die Lernziele von
öffentlicher Schule. Aus meiner Sicht muß sich das hier benötigte
technische Instrumentarium keineswegs mehr am "Rüstungswettlauf" um
immer höhere Verarbeitungskapazitäten und größere Speicherräume
beteiligen.
Derzeit erproben Schulen - häufig mit durchaus eigennütziger
Sponsorenbeteiligung - viele verschiedene Entwicklungslinien, von der
umfassenden Laptopausstattung bis zu applikation server providing. Es
erscheint heute unmöglich, aufgrund des sehr unterschiedlichen Wissens-
und Informationsstandes, generalisierende Überlegungen anzustellen.
Stellt sich unsere These als richtig heraus, daß elektronische
Klassenzimmer nicht Räume an bestimmten Schulen in bestimmten
Schulstufen sind, sondern einen übergreifenden Standard darstellen
werden, dann werden das bei den ca. 40000 Schulen in Deutschland
bespielsweise sicherlich über eine Million Räume sein.
Die Wege nach Rom reichen derzeit von "sehr lange" über "sehr
kompliziert", "sehr teuer", bis zum völligen Desaster und die zur
Verfügung stehenden UMTS Millionen straffen und konzentrieren die
Entwicklung nicht, sie verführen zweifellos zur Verschwendung. Nach
unseren Wünschen müßte die technische Konsolidierung möglichst bald
schon abgeschlossen sein, damit alle Kraft und Geld der entscheidenden
Aufgabe gewidmet werden könnte: der Qualifizierung der LehrerInnen und
SchülerInnen.
Mit der PISA Studie im Nacken bräuchte Schule dringend langfristig
durchdachte Perspektiven, die technische Innovation, Einfügung der
virtuellen Lerndimension und traditionell pädagogische Leitlinien in
einer praktikablen Kosten-Nutzenrelation miteinander verbänden.
Wiederum bleibt uns eine Binsenweisheit: wer gute Technik einsetzen
will, braucht gute Schüler, wenn gelten soll, daß nicht die Technik den
Menschen formt, sondern der Mensch die Technik.
Okt.2002