Selbstlernzentrum

„Eröffnung eines Selbstlernzentrums am HBBK“ – es wäre schon sehr verwunderlich, wenn sich nicht bei einem solchen neudeutschen Wortungetüm einiges Stirnrunzeln breitmacht: warum sagt man nicht einfach Computerraum, meinetwegen Internetcafe. Der hier erstellte Raum ist damit aber nicht beschrieben: es gibt hier Computer, jene Maschinen, die gerade mal erst seit einer Menschengeneration die Welt verändern und es gibt hier Internet, schlappe 10 Jahre alt. Es ist jedoch ein Lernraum, aber keineswegs über Computer. Historisch drängt sich der Vergleich mit der Bibliothek auf, und dieser Raum begleitet die sesshafte Kulturgeschichte der Menschen wie die Schatzkammer und das Gefängnis und ist, ebenso wie diese, in einen schier endlosen Streit um Zugangsberechtigung verwickelt. Wie benennt man eine Bibliothek ohne Bücher, denn in diesem Raum besteht Zugang zu weit mehr Büchern als jemals in einer Bibliothek auf der Welt gestanden sind ? Um es in Zahlen auszudrücken: als ich 1997 erstmals an dieser Schule eine Suchmaschine im Netz vorstellte, lag der Zugriff bei ca.70 Millionen Websites, heute sind es weit über 3,3 Milliarden. Ein öffentlich zugänglicher Ort zu selbstbestimmtem Umgang mit Wissen, darum geht es hier und wir alle wissen, wie sehr auch heute solche Orte auf diesem Planeten gefährdet sind.

Vor drei Jahren weihte die damalige Kultusministerin in NRW Frau Behler bei der Siegerschule der netdays 1999 in Nordkirchen ein von der Firma Hewlett Packard gesponsertes „Selbstlernzentrum“ ein: Wert. Ca 200000.-DM, Gegenwert: 18 vernetzte MultimediaPc´s mit Peripherie. Ich war damals bei der Einweihung zugegen und habe mir die, vielleicht heute immer noch unverschämte Bemerkung gestattet: „Genau das ist es NICHT!“
In diesem Selbstlernzentrum mit seinen ebenfalls 18 Arbeitsplätzen sind keine Computer, so wie man sie bei Lidl oder Aldi kaufen kann, mehr vorhanden, übriggeblieben sind praktisch wartungsfreie und kaum zerstörbare Boxen, leise und preiswert und auf den sound wurde bewusst verzichtet: auch, wenn es sich um eine virtuelle Bibliothek handelt: lernen braucht Ruhe! Zwischen der privaten Superdaddelmaschine, hochauflösend und surround, in ihrer Wärmeabstrahlung schon bald Heißluftfönen vergleichbar und nach Möglichkeit immer „schneller“ als beim Kollegen und den Geräten dieses Raumes gibt einen gewünschten, himmelweiten Unterschied: sie dienen allein dem Zweck, ein, allerdings möglichst gutes Lerninstrument zu sein.

Und noch eine Unterscheidung ist wichtig: Es gibt kein Aufsichtspersonal! Jeder, der sich bereiterklärt, die Ordnung in diesem Raum mitzuverantworten, erhält über eine xbeliebige Chipkarte einen „account“.....ja, und jetzt sind wir wieder beim Neudeutschen oder in diesem Falle denglischen und der Schwierigkeit, für so epochal neue Lernumstände einen Namen zu finden:
Bleiben wir einmal bei „Selbstlernzentrum“ und wünschen diesem Raum eine gute Zukunft und eine große Verbreitung. Eines sollte allerdings nicht aus den Augen verloren werden: nebenan wird real Theorie und Praxis studiert mit Lehrerinnen und Lehrern, und ohne dieses Fundament wird aus diesem Raum allenfalls ein „chatroom“.
Ich bedanke mich für ihre Aufmerksamkeit und stehe für ihre Fragen zur Verfügung.

Okt.2003

Comments